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Wer einmal in ein afrikanisches Land gereist ist und dort seine Zeit nicht nur im Urlauber-Hotel, auf Safari und am Strand verbracht, sondern sich abseits der Touristenrouten bewegt hat, der bekommt schnell einen Eindruck von dem wirklichen Leben der Menschen, jenseits der bunten Welt der Hochglanzprospekte.

Heute stellen wir Ihnen das Schicksal einer kleinen Familie vor, deren Kinder seit kurzer Zeit in unserem Bildungspatenschaftsprojekt gefördert werden. Sie gehören zu denen, die am unteren Ende der sozialen Leiter stehen. Ohne Unterstützung wäre für die Kinder ein Leben in grenzenloser Armut ohne Hoffnung auf eine bessere Lebensperspektive vorprogrammiert.
Es gehört zu den guten Nachrichten vom afrikanischen Kontinent, daß die Förderung der ärmsten Menschen nicht nur ihr Leben grundlegend verändert, sondern auch das Leben in der Gesellschaft und somit zu Frieden und Stabilität im Land beiträgt. Wir sind dankbar, daß wir als Ökumenischer 1Welt-Kreis mit Hilfe der Spender einen kleinen Beitrag dazu leisten können.

Lesen Sie nun die Lebensgeschichte von Marte*, wie sie mir unsere ruandische Projektleiterin bei meinem Besuch in Ruanda im Januar 2020 erzählt hat. *(Der Name wurde zum Schutz der Privatsphäre geändert.)

„Marte lebte von frühester Kindheit an in sehr schwierigen Verhältnissen. Sie war vier Jahre alt, als sie durch den Völkermord zur Vollwaise wurde. Ihre einzige Erinnerung besteht darin, daß sie zusehen mußte, wie ihre Mutter ermordet wurde. Obwohl sie noch so klein war, erinnert sie sich daran, daß sie Leute sah, die ihre Mutter in Stücke hackten.
Nach dem Völkermord blieb sie allein zurück wie all die anderen Waisenkinder und wurde in ein Waisenkinderheim gebracht, welches von einem französischen Schwesterorden geleitet wurde.
Doch bald danach hatte die ruandische Regierung Auseinandersetzungen mit der französischen Regierung wegen deren Verwicklung in den Völkermord. Daraufhin wurden alle Franzosen des Landes verwiesen.
In der Folge kehrten die Ordensschwestern nach Frankreich zurück. Die Waisenkinder waren wieder auf sich gestellt und fingen an, umherzuirren und gingen von Familie zu Familie. Auf diese Weise lebte Marte bis sie 14 Jahre alt war. Schließlich begab sie sich auf die Suche nach einer Arbeit als Hausmädchen bei verschiedenen Familien. In dieser Zeit hatte sie große Probleme, denn im Alter von 15 Jahren gab eine Familie vor, sie adoptieren zu wollen. Sie nahmen sie zu sich, behandelten sie aber nicht wie ein Kind, sondern wie eine Sklavin. Sie mußte alle Hausarbeit verrichten, durfte nicht zur Schule gehen, bekam kein Taschengeld und litt sehr unter diesen Umständen.
Nach drei Jahren verließ sie die Familie und suchte sich eine andere Arbeit als Hausmädchen. Sie fand Arbeit bei einer anderen Familie und nach einiger Zeit wurde sie Opfer einer Vergewaltigung durch einen Mann, der sie verführte, indem er ihr etwas Milch gab und kleine Versprechungen machte. Die Familie, für die sie alle Hausarbeit machte und kochte, gab ihr nicht genug zu essen, so daß sie sehr hungrig war und auf die Versprechungen des Mannes hereinfiel. Sie mußte die Familie verlassen und lebte nun wie ein Obdachlose.

In dieser Situation hörte ich von der Mutter und besuchte sie auf dem Grundstück einer Familie in meiner Nachbarschaft, auf dem sie lebte.
Ich konnte nicht viel für sie tun, versuchte ihr aber zu helfen, denn ich bemerkte, daß sie und ihr Baby unterernährt waren. So gab ich ihr jeden Tag etwas zu essen. Doch bald schien mir das nicht genug und ich gab ihr etwas Geld, damit sie eine kleine Unterkunft zur Miete findet. Mehr konnte ich nicht für sie tun.
So wuchs das Baby unter diesen äußerst schwierigen Umständen auf. Marte trug das Mädchen auf dem Rücken und ging jeden Tag los um eine Tagelöhnerarbeit zu finden, damit sie etwas Geld für das tägliche Brot verdient. Manchmal verdiente sie etwas, manchmal nicht. Darum ist sie auch so mager.
Als ihre Tochter drei Jahre alt war, wurde sie erneut von einem Mann vergewaltigt und sie gebar ein zweites Mädchen. Heute wohnt sie in einem winzigen Haus, in dem nicht genug Platz für drei Personen ist.
Deshalb bin ich dem Paten so dankbar, daß er die Patenschaft für das ältere Kind übernommen hat, denn seitdem kann das Mädchen zur Schule gehen und Marte kann sich mit ruhigem Gewissen auf Arbeitssuche machen, um die Verpflegung zumindest für den nächsten Tag zu sichern. Wenn ihre große Tochter nicht zur Schule ginge, würde sie vielleicht in den Straßen umherlaufen.

Doch ich mache mir auch nach wie vor Sorgen, denn wenn Marte krank würde, gäbe es niemanden, der sich um die Familie kümmern würde. Und was würde geschehen, wenn Marte stirbt? Denn sie weiß nichts von ihren Verwandten. Und wann immer etwas in der Familie geschieht, kommen die Nachbarn zu mir weil sie wissen, daß ich mich um Marte und ihre Kinder kümmere. Als sie ihre zweite Tochter zur Welt brachte, riefen mich die Nachbarn an und sagten, ich solle sie zum Arzt bringen. Keiner hat sich um sie gekümmert. So fuhr ich mit dem Motorradtaxi zu ihr und brachte sie zum Arzt. Glücklicherweise brachte sie ein gesundes Kind zur Welt, das jetzt ca. zwei Jahre alt ist.
Da ich mir Sorgen gemacht habe, daß Marte keine weiteren Kinder bekommt, um die sie sich dann gar nicht kümmern könnte, bat ich das Gesundheitszentrum mit ihr über Familienplanung zu sprechen. Ich hoffe, daß sie nun keine weiteren Kinder bekommt. Denn wie du gesehen hast, hat sie schon große Mühe, sich um ihre zwei Kinder zu kümmern.
Darum ist die Patenschaft schon eine große Hilfe und es wäre gut, wenn eines Tages die Möglichkeit bestände, die Mutter beim Start eines kleinen Handels zu unterstützen, damit sie für sich und ihre Kinder sorgen kann. Dafür wäre ein Betrag von wenigstens 300 Euro nötig, um einen kleinen Obst- und Gemüsehandel zu beginnen.
Dann könnte sie auch in eine bessere Wohnung umziehen, denn im Moment hat der Raum, in dem sie lebt, ca 3qm.
Ich bin immer in der Nähe der Familie um für sie da zu sein, wenn sie Hilfe benötigen. Und wenn es gelingt, Marte eine Starthilfe für einen kleinen Handel zu ermöglichen, dann werde ich ihr beratend zur Seite stehen.“


Nach meiner Rückkehr aus Ruanda habe ich Gelegenheit gehabt, beim Lions Club in Gotha von meiner Reise zu berichten. Ein Clubmitglied war von dieser Lebensgeschichte sehr berührt und half der kleinen Familie, so daß sie jetzt in besseren Wohnverhältnissen leben.
Und die beiden Mädchen haben Paten gefunden. Dafür sind wir unendlich dankbar!

Gerhard Reuther