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(English version under construction)

19. Januar – Besuchstag
Durch die ungewöhnlich starken Regenfälle in zurückliegender Zeit wurden in den Tälern in Kigali viele Häuser beschädigt oder gar zerstört und kamen Menschen ums Leben. Die Regierung hat daraufhin beschlossen, in den gefährdeten Gebieten sämtliche Häuser abreißen zu lassen. Die Menschen, die dort leben, müssen sich eine andere Bleibe suchen. Unterstützung von der Regierung gibt es nicht.
Nun trifft es dabei, wie so oft, die Ärmsten, die dort in diesen einfachen Hütten lebten. Unter ihnen befindet sich auch eine Familie ohne Eltern, die wir an diesem Vormittag besuchten. Es handelt sich zum größten Teil um ehemalige bzw aktuelle Patenkinder die nun sehen müssen, wo sie bleiben können. Sie erzählten uns, daß sie ein Häuschen gefunden hätten, dort aber 60 € Miete im Monat bezahlen müssen. Das können sie sich aber auf die Dauer nicht leisten, da der älteste Bruder und die älteste Schwester nur mit Gelegenheitsjobs etwas Geld verdienen können. Wir haben ihnen zwei Monatsmieten gegeben und sie gebeten, sich etwas Günstigeres zu suchen. Das dürfte in Kigali zwar nicht einfach sein, aber auch nicht unmöglich.
Immerhin erfuhren wir, daß es der Familie den Umständen entsprechend gut geht und besonders habe ich mich über I. gefreut, der eine deutliche Veränderung durchgemacht hat. Bei meinem letzten Besuch war er sehr schüchtern und hat kaum geredet. Zwischenzeitlich hatte ihn seine Mutter in Uganda in eine Schule gehen lassen in dem Glauben, daß das Niveau dort besser sei, auf Laurettes Bitte hin aber wieder zurückgeholt, was sich nun als sehr positiv herausgestellt hat. Nicht nur, weil sich die politischen Beziehungen zwischen Uganda und Ruanda verschlechtert haben, sondern weil es für den Jungen auch besser ist, bei seiner Familie zu sein. Dieses Mal war er aufgeschlossen und gesprächig. Er hat seine Englischkenntnisse deutlich verbessert und ich konnte mich gut mit ihm unterhalten. F. studiert noch für drei Jahre Hotelmanagement und wird danach wohl mal recht gute Aussichten auf einen Job haben.

Weiter führte uns der Weg zu einer Familie, die ich schon seit etlichen Jahren kenne. Zu ihr gehört auch eines unserer Patenkinder, F., ein Neffe. Er hat ein Elektronikstudium absolviert und wollte ursprünglich weiter studieren. Wir haben ihm empfohlen, sich selbständig zu machen und auf diese Weise für sich selbst sorgen zu können, anstatt zu studieren und danach arbeitslos zu sein, wie viele junge Akademiker. Er möchte nun noch einen Short-Course für ein Jahr machen, um etwas mehr Praxis zu bekommen und danach sein eigenes Unternehmen beginnen. Das werden wir mit der Sponsorin besprechen.

Abends waren wir zu einem Bekannten eingeladen, den ich schon seit einigen Jahren kenne. Er war bis 2018 Mitglied des Parlaments und arbeitet jetzt wieder als Veterinär. Es war ein vergnüglicher Abend, der allerdings mit einer bösen Überraschung endete, denn unser Auto wollte nicht anspringen. So sah sich unser Gastgeber genötigt, uns nach Hause zu fahren. Am nächsten Tag war der Spuk vorüber. Das Auto startete ohne Probleme und ließ uns diesbezüglich auch nicht mehr bis zum Ende der Reise im Stich.

Exkurs zum Auto
Wir hatten vor ca 4 Jahren eine Spendensammlung durchgeführt, damit wir für unsere Projektpartner vor Ort ein gebrauchtes Auto kaufen können, da unsere Patenkinder im ganzen Land verstreut leben. Der damalige deutsche Projektleiter hat beim Kauf leider kein glückliches Händchen gehabt. Denn das Auto ist nicht nur alt, sondern auch in ziemlich schlechtem Zustand. Ständig fallen Reparaturen an. Auch während unseres Aufenthaltes mußten wir kurzfristig in die Werkstatt. Dazu verbraucht es sehr viel Benzin. Und es hat sich erwiesen, was ich damals schon vermutete: es ist zu klein. Wir hatten Mühe, alle Personen unterzubringen, die mit uns unterwegs waren. Angesichts der genannten Umstände halte ich es für unerläßlich, daß wir versuchen, ein neueres Auto mit mehr Sitzplätzen zu bekommen. Bis dahin bleibt nur zu hoffen, daß das jetzige solange durchhält.
Wir haben jetzt 62 Kinder im Programm, und es werden mehr, wenn sich weitere Sponsoren finden. Diese Kinder leben in 5 Provinzen Ruandas. Frau Laurette besucht sie mindestens dreimal im Jahr oder öfter, wenn es nötig ist. Manchmal muss sie Kinder in einer Region aus ihren Schulen abholen, um mit ihnen ihre Häuser zu besuchen, aber mit dem derzeitigen Auto kann sie höchstens 4 Kinder mitnehmen. Dies allein zeigt, daß ein Auto mit mehr Sitzplätzen nötig ist, um Zeit und Geld für die Hin- und Rückfahrt zu sparen. Das Gleiche gilt für Fahrten mit Eltern zu den entsprechenden Schulen ihrer Kinder.
Wir bitten unsere Leser deshalb um Spenden für ein gebrauchtes Fahrzeug!

20.1. – Reisetag nach Butare
Die zweite Woche unseres Aufenthaltes verbrachten wir in Butare, um die Patenkinder in den umliegenden Gebieten besuchen zu können.
Auf dem Weg dorthin besuchten wir ein körperbehindertes Mädchen, das vom Albert-Schweitzer-Gymnasium in Ruhla gefördert wird. C. lernt in einer Schule der „Barmherzigen Brüder“ in Gatagara. Sie stammt aus sehr armen Verhältnissen und ihre Mutter ist kaum in der Lage entsprechend für sie zu sorgen. Umso wichtiger ist es, daß das Mädchen in dieser Schule untergebracht ist, wo sie auch Physiotherapie und andere nötige Behandlungen bekommen kann. Sie ist eine relativ gute Schülerin, wird aber noch einen langen Weg vor sich haben, bis sie einmal eine Art Selbständigkeit erlangen wird.
In Butare angekommen bezogen wir unsere Gästezimmer im Shalom Guest House der Anglikanischen Kirche. Dort hatte ich schon bei meinem letzten Besuch logiert und es hat mir damals schon gefallen. Das Gästehaus befindet sich auf einem Gelände, wozu auch das Nehemiah Cafe gehört. Dort wird ein wirklich exzellenter Kaffee serviert.

21.1. – Besuchstag
F. galt unser erster Besuch des Tages. Ihre Schule ist ein ganzes Stück weg von Butare gelegen und nur über unbefestigte Straßen zu erreichen. Eine Herausforderung für unser klappriges Auto.
Aber wir haben die Schule unbeschadet erreicht und konnten mit ihr sprechen. Sie ist eine relativ gute Schülerin und hat noch zwei Jahre vor sich. Nach ihren künftigen Plänen gefragt sagte sie uns, daß sie entweder gern studieren oder ihr eigenes kleines Unternehmen aufbauen würde. Wir empfahlen ihr Letzteres, denn für ein Studium sind ihre Leistungen wahrscheinlich nicht gut genug. Natürlich bleibt den Patenkindern die freie Entscheidung. Doch letztlich wird diese Entscheidung auch von den Möglichkeiten der Patenkinder abhängig sein. Die ruandische Regierung ermutigt übrigens angesichts der großen Zahl arbeitsloser Akademiker zunehmend junge Menschen handwerkliche Berufe zu ergreifen. Ein Umdenken wird aber sicher noch ein langer Prozeß sein, da ein abgeschlossenes Studium für die Jugendlichen ein Statussymbol ist.

Anschließend besuchten wir D. Sie ist eine gute Schülerin und weiß schon genau was sie will. Sie möchte Schneiderin werden. Dafür hat sie gute Voraussetzungen, denn ihre Schule vermittelt den Schülern entsprechende handwerkliche Fähigkeiten. Nach meinem Eindruck wird sie keine Probleme haben, ihr künftiges Leben zu gestalten.
Der letzte Besuch des Tages galt L. Sie gehört zu den Patenkindern, die schon lange gefördert werden. Und sie hat eine sehr wechselvolle Lebensgeschichte. Jetzt geht sie an eine Internatsschule und ist eine recht gute Schülerin. Im Gegensatz zu früheren Besuchen war sie deutlich gesprächiger und nicht mehr so verschlossen, so daß wir uns ganz gut unterhalten konnten. Über ihre Zukunft hat sie noch keine klaren Vorstellungen, aber dafür hat sie noch Zeit. Ihrer Familie geht es offenbar ganz gut und der kleine Handel ihrer Mutter im Heimatdorf läuft auch ganz gut.

22.1. – Besuchstag
M. ist ganz neu in unserem Programm und so habe ich mich besonders gefreut ihn kennenzulernen. Im Gegensatz zu früher kenne ich leider nicht mehr alle Patenkinder persönlich. Dazu müßte ich länger im Land sein, doch dies ist nicht möglich. M. ist 9 Jahre alt und hat, wie viele unserer Patenkinder, schon viel Schweres erlebt. Seine Mutter starb als er drei Jahre alt war. Sein geistig behinderter Onkel konnte sich nicht um ihn kümmern, und starb überdies auch bald danach. So lebt M. bei einer Frau, die sich seiner angenommen hat. Diese Frau ist selbst schwer krank und weiß nicht, wie lange sie noch lebt. Immer fürchtet sie, daß sie zu früh stirbt und sich dann nicht mehr um den Jungen kümmern kann. Damit nicht genug, wurde die Hütte der Frau von Starkregen weggespült und so leben sie nun vorübergehend mit vier anderen Familien in einem Haus, das ihnen vom Distrikt zur Verfügung gestellt wurde. Wir haben 90 Euro und Schulmaterialien hinterlassen, um die größte Not etwas zu lindern. Für M. ist die Patenschaft jedenfalls Rettung in großer Not. Er war relativ zugänglich, spricht aber noch wenig Englisch. Seine Lieblingsfächer sind Englisch und Mathe, und er möchte später einmal Arzt werden (ein relativ häufiger Berufswunsch).
An seiner Schule gibt es sehr viele Kinder, so daß diese in zwei Schichten vormittags und nachmittags unterrichtet werden. An unserem Besuchstag hatte er nachmittags Unterricht.

Exkurs
Kinder wie M. können unter Umständen sehr schnell in eine völlig hoffnungslose Lage geraten, wenn niemand mehr für sie da ist. Im Gespräch mit Laurette haben wir konstatiert, daß gerade für solche Kinder unsere Projekt-Familie sehr wichtig ist. Hier entsteht für die jungen Erwachsenen, die aus unserem Projekt hervorgegangen sind, eine wichtige Aufgabe. Sie können und sollen für die jüngeren Kinder da sein und sie unterstützen und gegebenenfalls sogar in ihre eigene Familie aufnehmen.

Das nächste Kind, das wir besuchten, ist D. Hat M. schon viel Schweres erlebt, so ist das Los der jüngeren D. noch härter. Sie ist jetzt sechs Jahre alt, wirkt aber jünger. Ihre Mutter wurde Vollwaise, als diese vier Jahre alt war. Ihre einzige Kindheitserinnerung besteht darin, daß sie zusehen mußte, wie ihre Mutter während des Völkermords 1994 ermordet wurde. … So kam sie in ein Waisenheim… In einer hoch dramatischen Situation begegnete ihr Laurette und kümmert sich seitdem um sie nach ihren bescheidenen Möglichkeiten. So hat die Mutter eine Unterkunft gefunden, die diesen Namen kaum verdient. Es handelt sich um einen Raum von vielleicht 3 qm! Und dafür muß sie auch noch 10 € Miete pro Monat zahlen! Laurette hat nun stets Sorge, daß der Mutter etwas zustoßen könnte, dann wären D. und ihre jüngere Schwester Vollwaisen. Und Angehörige gibt es nicht. Die Patenschaft für D. war also Rettung in höchster Not!

Diese Familiengeschichte steht exemplarisch für viele andere Familien. Und sie führt uns vor Augen, wie im wahrsten Sinne des Wortes notwendig unsere Unterstützung dieser Menschen ist. Für die Mutter von D. wäre es eine große Hilfe, wenn wir sie mit einer kleinen Anschubsfinanzierung unterstützen, so daß sie einen kleinen Obst- und Gemüsehandel aufbauen kann. Dann wäre sie in der Lage, wenigstens das täglich Brot zu verdienen, ohne auf Almosen von anderen angewiesen zu sein. Und es würde sie weniger anfällig gegen Mißbrauch machen. Ich habe Laurette gebeten, gemeinsam mit der Frau alle notwendigen Schritte zu unternehmen, damit sie sich mit dem kleinen Handel selbständig machen kann.

Nach diesem bewegenden Besuch gönnten wir uns eine kleine Auszeit und besuchten den alten Königspalast in Butare. Er ist schön gelegen und wir hatten einen netten jungen Mann, der uns herumführte. Eine besondere Attraktion sind zweifellos die königlichen Kühe, die dort noch immer gehalten und gezüchtet werden. Wie früher spielen sie bei besonderen Zeremonien eine wichtige Rolle. Nur für eines sind sie nicht bestimmt: zum Essen 🙂
Nach unserer Rückkehr verabredeten wir uns noch mit dem Bruder eines unserer Schützlinge, der erst zwei Wochen zuvor nach Butare gekommen war und dort nun als Lehrer tätig ist. Im chinesischen Restaurant ließen wir den Tag mit wohlschmeckenden Speisen und einem kräftigen einheimischen Bier „Mützig“ ausklingen.

Postscript
An diesem Tag mußten wir d.h. die beiden Paten und ich unbedingt etwas zurechtbringen. Laurette hatte uns erzählt, daß sie von einem amerikanischen Bekannten ein gebrauchtes iPhone geschenkt bekommen hatte. Doch es stellte sich heraus, daß dieses Geschenk keineswegs so generös war, wie es wohl aussehen sollte, denn es ging völlig kaputt, so daß sogar die Daten nicht mehr gerettet werden konnten. Da ein Smartphone jedoch für Laurettes Projekt-Arbeit unerläßlich ist beschlossen wir kurzerhand, ihr ein neues Smartphone aus privaten Mitteln zu kaufen.

Fortsetzung